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Leseprobe zu "Hals in der Schlinge"

Was zum Teufel hatte Stefan in dieser abgelegenen Ecke verloren? Hier gab es absolut nichts. Die Straße endete auf einem schlammigen Parkplatz neben einem rostigen Baucontainer.
Ich versuchte durch den dichten Vorhang aus Regen Stefans Auto zu erkennen. Da war etwas in einiger Entfernung vor mir, das konnte er sein. Anscheinend war der Platz größer, als ich zunächst angenommen hatte.
Im Scheinwerferlicht sah ich direkt vor mir riesige Pfützen. Ich befürchtete, mit meinem Volvo in einem der Schlammlöcher stecken zu bleiben, wenn ich weiter fuhr. Warum zum Teufel hatte Stefan nicht einfach den ADAC angerufen? Vielleicht hatte er keine Mitgliedschaft? In dem Fall würde ich jetzt einfach meine Mitgliedskarte benutzen. Nichts in der Welt würde mich dazu bringen, meinen Wagen bei diesem Sauwetter mitten im Nirgendwo festzufahren.
Als ich mehrfach kurz hintereinander die Lichthupe betätigte, blendete ich mich selber. Der Regen war so dicht, dass er das grelle Fernlicht reflektierte. Aber es ging mir nicht darum, besser sehen zu können. Ich wollte mit dem Lichtzeichen erreichen, dass Stefan zu mir kam. Ich wiederholte das Aufblenden einige Male in halbminütlichen Abständen.
Als Stefan auch nach fünf Minuten nicht auftauchte, griff ich zum Handy.
Der Versuch eines Anrufs scheiterte: Ich bekam kein Signal. Verdammt. Ich musste wohl oder übel aussteigen. Die Alternative wäre gewesen, einfach wegzufahren. Aber Stefans E-Mail war eindeutig gewesen. Wir wollten uns hier treffen, und ich sollte ihn abschleppen. Er musste also da sein.
Ich mochte es nicht, Dinge zu tun, zu denen ich keine Lust hatte. Um genau zu sein, hasste ich es. Und hinaus in diesen strömenden Regen zu gehen, darauf hatte ich definitiv keine Lust. Wenn ich Stefan nicht so lange gekannt hätte...
Hätte ich gewusst, was mir bevorstand, dann wäre ich nach der Arbeit erst nach Hause gefahren, um mir etwas Passenderes anzuziehen.
Vom Rücksitz zerrte ich meine blaue Regenjacke und zog sie umständlich an. Sie würde wenigstens den oberen Teil meines Körpers trocken halten. Bevor ich die Tür aufstieß, zog ich die dünne Kapuze weit ins Gesicht. Das Schlimmste bei Regen war, dass ich wegen der Tropfen auf der Brille kaum etwas sehen konnte. Und ohne Brille erkannte ich mit meinen neun Dioptrien fast gar nichts. Lediglich Umrisse waren noch vorhanden, und das auch nur von größeren Objekten.
Als ich den Wagen verließ, peitschte mir der Wind den Regen heftig ins Gesicht.
Ich fluchte. Stefan schuldete mir etwas. Der Abend würde auf ihn gehen.
Ich beeilte mich, die Tür zuzuwerfen, damit ich mich später nicht ins Nasse setzen musste. Dann ging ich in die Richtung des Autos, das ich für Stefans hielt. Damit lief ich genau gegen die Windrichtung. Um die Distanz schneller hinter mich zu bringen, versuchte ich zu rennen und wäre beinahe gestürzt. Ich spürte, wie mein rechter Fuß im Matsch wegrutschte, und trat schnell mit dem linken auf, um mich mit ihm abzustützen. Dabei erwischte ich offenbar die tiefste Pfütze, die der Platz zu bieten hatte, denn augenblicklich stand ich bis über den Knöchel im Wasser. Verdammt, Stefan, was hast du hier überhaupt verloren gehabt?
Während Stefans Schulden bei mir immer größer wurden, kämpfte ich mich weiter voran.
Ich bekam eine Gänsehaut, als mir eiskaltes Wasser am Hals herab rann und den Weg zu meiner Brust fand. Mit der rechten Hand versuchte ich, meinen Kragen fest zuzuhalten, damit kein Wasser mehr durchkam. Der Erfolg hielt sich jedoch in Grenzen. Rutschend und mit durchtränkten Schuhen und Socken kam ich voran.
Für einen Moment erhellte ein Blitz die Szenerie. Fast zeitgleich grollte ein gewaltiger Donner, der die Erde erbeben ließ. Augenblicklich konnte ich das Fahrzeug erkennen. Obwohl ich auch vorher keinen Zweifel daran gehabt hatte, war ich jetzt sicher, dass es Stefans Auto war. Wenige Meter davor ragte ein schmaler, hüfthoher Stock aus der Erde.
Je nasser ich wurde, umso schlechter war ich auf meinen Freund zu sprechen. Warum war er nicht ganz vorne stehen geblieben? Warum wartete ich nicht einfach im Auto? Ich hätte so lange hupen können, bis Stefan sich gerührt hätte.
Als ich nur noch wenige Schritte entfernt war, offenbarte mir der nächste Blitz, dass es sich bei dem Stock in Wirklichkeit um eine Schaufel handelte, die zu zwei Drittel des Blattes in der Erde steckte. Hatte Stefan etwa versucht, seinen Wagen freizuschaufeln? Absurder Gedanke. Ich ging an der Schaufel vorbei, und steuerte auf den dunkelgrünen Omega zu, wobei ich jedoch stolperte und mein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte.
Platsch!
Verdammt! Das konnte Stefan gar nicht wieder gut machen!
Ich kam umständlich auf die Knie, hustete, schmeckte den lehmigen Geschmack der Brühe, würgte. Nur mit Mühe gelang es mir, mich nicht zu übergeben. Es dauerte eine halbe Minute, bevor ich in der Lage war aufzustehen. Als ich endlich wieder auf den Beinen war, blickte ich an mir herab, konnte aber nichts erkennen, weil es so dunkel war. Ich ärgerte mich, dass ich das Licht an meinem Auto nicht angelassen hatte.
Die Dämmerung war jetzt soweit fortgeschritten, dass es bald stockfinster sein würde.
Worüber war ich überhaupt gestolpert? Ich drehte mich um. Vor mir sah ich schemenhaft eine Erhöhung auf dem Boden. Sie war mir vorher nicht aufgefallen, und ragte etwa zwei Handbreit aus dem Schlamm heraus. Das unförmige Gebilde war zwei bis drei Schritte lang. Vielleicht ein alter Sack, in dem sich Müll befand? Aber dazu war er zu massiv. Egal.
Immerhin konnte es jetzt kaum noch schlimmer kommen. Dachte ich. Doch schlimmer geht immer. Der nächste Blitz zeigte es mir. Die beiden weit aufgerissenen Augen, die mich aus dem oberen Teil des vermeintlichen Sacks heraus anstarrten, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren. Plötzlich war mir bewusst, dass der Sack in Wirklichkeit mein Freund Stefan war. Der Augenblick des Lichts währte nur kurz, trotzdem erfasste ich im Bruchteil einer Sekunde, dass die Schädeldecke merkwürdig verunstaltet aussah. Von der Stirnmitte breiteten sich dunkle Flecken aus, die ich auch ohne gründliche Untersuchung als Blut identifizierte. Auf der anderen Seite: War das überhaupt möglich, dass sich bei diesem Dauerregen das Blut auf seiner Haut hielt? War es am Ende eine riesige, offene Wunde, die ich gesehen hatte? Ein Schauer durchzog meinen Körper, als ich plötzlich das Gesehene im Geiste mit einem gespaltenen Schädel verband.
Plötzlich fing mein Herz an zu rasen, und für einen Moment konnte ich keine Luft holen. Zu vehement war der Schock gekommen. Obwohl es längst wieder dunkel war, brannte das Bild der mich anstarrenden Augen auf meiner Netzhaut. Augen, die seltsam leer waren. In diesem dunklen, abgelegenen Nirgendwo, inmitten einer Hölle aus Regen, Schlamm, Blitz und Donner, hatte der Anblick etwas extrem Gruseliges und jagte mir eine Heidenangst ein.
Ich musste etwas tun. Meine Güte, wie viele Jahre war es her, dass ich den Erste-Hilfe-Kurs besucht hatte?
Mein Handy. Ich könnte Hilfe rufen. Ja, das war das Beste! Mit nassen und zitternden Fingern fischte ich mein Mobiltelefon aus meiner Hemdtasche. Fast wäre es mir aus der Hand gerutscht, so glitschig war alles. Als das Display nach dem ersten Tastendruck leuchtete, atmete ich auf. Zum Glück war es durch das Wasser nicht kaputt gegangen.
Ich wählte die 110. Ohne Erfolg. Ich hatte kein Netz. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt!
Licht. Ich brauchte Licht, wenn ich Stefan helfen wollte. Sollte ich doch versuchen, mein Auto zu holen? Aber wenn ich dabei selber im Schlamm stecken blieb, war damit niemandem geholfen.
Doch irgendetwas musste ich tun. Ich ging in die Knie, und tastete mit meinen schlammverschmierten Händen nach seinem Gesicht. "Stefan", rief ich laut, mehrmals hintereinander. Nachdem ich die Wangen erfühlt hatte, tätschelte ich sie, während ich weiter den Namen meines Freundes rief.
Als nach einer Weile keine Reaktion kam, tastete ich vom Kopf über seine Schultern bis zu seiner linken Hand, und suchte nach der Pulsader. An verschiedenen Stellen versuchte ich, etwas zu fühlen. Keine Chance. Ich legte meine Hand auf die Stelle, die ich für seinen Bauch hielt, in der Hoffnung, dass dieser sich hob und senkte. Aber er tat es nicht. Immer wieder sagte ich seinen Namen, aber es kam keine Reaktion. Ich merkte, dass mir sehr heiß war, obwohl es recht kalt und ich völlig durchnässt war. Ich zitterte, als ob ich Schüttelfrost hatte.
Hier konnte ich nichts für ihn tun. Ich musste Hilfe holen, und das so schnell wie möglich. Meine Güte, lebte Stefan überhaupt noch? Eigentlich hätte ich vermuten müssen, dass er tot war, nachdem ich keinen Puls feststellen konnte. Aber wahrscheinlich bewirkte alleine mein Wunschdenken, dass ich davon ausging, dass Stefan noch lebte.
Mehr rutschend als gehend erreichte ich mein Fahrzeug. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr daran, ob meine Sitze nass oder gar dreckig wurden. Ich riss die Tür auf und ließ mich hinters Lenkrad gleiten.
Nachdem ich den Motor gestartet hatte, trat ich die Kupplung durch und legte den Rückwärtsgang ein. Prompt würgte ich den Motor ab, als ich mit den nassen, aalglatten Sohlen meiner Businessschuhe von dem Pedal abrutschte. Musste denn alles schief gehen?
Ich war den Tränen nahe, vielleicht vor Wut, vielleicht vor Angst um Stefan. Der nächste Versuch gelang besser. Mit durchdrehenden Rädern hüpfte der Volvo rückwärts. In Panik gab ich viel zu viel Gas, und als ich das Lenkrad herumriss, schleuderte das Auto regelrecht um die eigene Achse.
Dann kam eine weitere Überraschung, dieses Mal zum Glück eine positive. In einiger Entfernung waren Blaulichter zu sehen, die sich schnell in meine Richtung bewegten. Da kam Hilfe! Welcher Grund auch immer sie herführte - sie würden helfen können. Vielleicht sollte ich Zeichen machen, damit sie nicht am Ende irgendwo abbogen, und mich deshalb gar nicht erst erreichten. Aber ich hatte keine Abzweigung gesehen, als ich gekommen war. Kurzerhand stellte ich den Motor wieder ab, und stieg aus. Den Regen bemerkte ich jetzt kaum mehr, obwohl er mit gleicher Intensität niederprasselte. Meine Erleichterung war einfach zu groß. Ich stellte mich breitbeinig hin und fing an, wild mit beiden Händen zu winken.
Der erste Polizist schälte sich aus dem Einsatzwagen, noch bevor er richtig angehalten hatte.
"Kommen Sie schnell", rief ich ihm zu. "Da hinten liegt ein Mann, der dringend Hilfe braucht." Dabei deutete ich mit dem Daumen hinter mich.
"Haben Sie angerufen?", fragte eine feste, klare Stimme. Das Gesicht, das zu der Stimme gehörte, konnte ich nicht erkennen, da ich plötzlich von einer Taschenlampe geblendet wurde.
"Nein, ich habe nicht angerufen. Aber da hinten liegt jemand, und ich glaube, er ist schwer verletzt! Sie müssen über Funk einen Krankenwagen rufen."
Jetzt war ein zweiter Mann hinzugekommen. Er drehte sich sofort wieder um und verschwand im Polizeiwagen. Ich vermutete, dass er den Krankenwagen rief.
Eine Taschenlampe wurde mir gereicht. "Hier, gehen Sie vor."
Mit dem Lichtkegel der Lampe vor mir fiel es mir wesentlich leichter, durch den Sumpf zu stapfen. Dafür war es umso schwieriger, Stefan anzusehen. Er sah entsetzlich aus. Die Schädeldecke war in der Mitte gespalten. Die unbeweglichen Augen schienen mir stumm den Vorwurf zuzuschreien, dass ich nicht rechtzeitig gekommen war.
Jetzt konnte ich mich dem Offensichtlichen nicht mehr verschließen. Vielleicht hatte ich es vorher schon gewusst, vielleicht hatte ich es nur nicht wahrhaben wollen. Die enorme Verletzung konnte unmöglich von einem normalen Sturz herrühren. Dies war kein Unfall gewesen. Verdammt!

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