Leseprobe zu "Spiel, bis du stirbst"

Äste schlugen ihr ins Gesicht und zeichneten eine Landschaft aus blutigen Kratzern auf ihre Haut. Egal. Gegen das, was sie zuvor hatte über sich ergehen lassen müssen, waren das beinahe Streicheleinheiten. Und sie musste weiter, wenn sie nicht zurück in die Hölle wollte. In keinem Fall durfte sie jetzt ausrutschen, sonst würde er sie haben. Aber es war so verdammt steil, und der feuchte Waldboden bot ihren nackten Füßen wenig Halt. Mehr stolpernd als laufend bewegte sie sich auf schmerzenden Fußsohlen den Abhang hinunter, immer wieder Halt an einem Baum suchend.
Obwohl sie genau wusste, dass sie damit unnötig Zeit verlor, zwang ihre stete Angst sie dazu, sich umzudrehen. Wie weit war er noch entfernt? Hatte sie genügend Vorsprung? Oder musste sie jeden Augenblick damit rechnen, dass er sich auf sie stürzte?
Nein, sie hörte zwar das beunruhigende Knacken von brechendem Holz hinter sich, aber zu sehen war er noch nicht. In diesem dichten Wald hatte das nicht viel zu bedeuten, denn die Sichtweite betrug auch ohne Nebel nur wenige Meter, so eng standen die Bäume zusammen. Zum Glück war es nicht dunkel. Das Licht des späten, trüben Nachmittags ließ sie wenigstens die fremde Umgebung erkennen.
Der Geruch, der in der Luft lag, kam ihr seltsam irreal vor. Die Wälder in ihrer Heimat rochen anders. Vielleicht befand sie sich ja doch in einem abstrusen Traum, und dieser Wald existierte gar nicht? Dann würde sie bald erwachen und alles war gut.
Ein Rufen, laut und aggressiv. Die Worte verstand sie nicht, obwohl sie klar und deutlich an ihre Ohren drangen. Es war nicht ihre Sprache.
Geräusche. Diese hörten sich an wie vorbeifahrende Autos. In der Nähe musste eine Straße sein. Ein Geschenk des Himmels!
Sie stolperte weiter. Als sie sich an einem schlanken Baumstamm festhalten wollte, sah sie nicht den spitzen, abstehenden Holzsplitter. Dieser drang mit voller Wucht in ihre Handfläche ein. Ein kurzes Aufstöhnen, dann nahm sie mit zusammengebissenen Zähnen die Hand vom Baum.
Sofort fing die Wunde an zu bluten, aber Schmerzen spürte sie kaum. Die Qualen, die noch immer zwischen ihren Beinen tobten, überdeckten alles andere. Tausend glühende Nadeln, die ihren Unterleib malträtierten, hätten nicht schlimmer sein können.
Kurz kam es ihr in den Sinn, wie erstaunlich es war, dass sie überhaupt noch laufen konnte. Doch die Pein, die sie in diesem dornigen Waldstück erlitt, war nichts gegen das, was sie über sich hätte ergehen lassen müssen, wenn sie geblieben wäre. Nur dieses Wissen war es, was sie aufrecht hielt. Dieses Wissen, und das in hohen Dosen ausgeschüttete Adrenalin. Selbst der Schwindel, mit dem ihr Kreislauf darauf aufmerksam machen wollte, dass sie ihre körperlichen Grenzen erreicht hatte, hinderte sie nicht daran, weiter zu laufen.
Das Rauschen des Verkehrs wurde lauter. Sie musste es nur bis zur Straße schaffen, dann hatte sie gewonnen. Ganz egal, wo diese Straße war oder wo sie hinführte: Solange sie stark befahren war, würde er ihr dort nichts mehr anhaben, dessen war sie sich sicher. Zu viele Augen könnten ihn später wiedererkennen.
Noch einmal das grimmige Rufen, diesmal lauter. Erneut vergeudete sie Zeit, indem sie sich gehetzt umblickte. Da war er, vielleicht noch zehn Meter entfernt. Seine Hände waren leer. Gut, er hatte keine Waffe bei sich. Trotzdem ließ sein Anblick ihr ohnehin schon rasendes Herz noch schneller schlagen. Wenn er sie einholte, würde er keine Waffe benötigen. Sie kannte seine enorme Kraft, der sie nichts entgegenzusetzen hatte. Doch die rettende Straße konnte nicht mehr weit sein.
Mit einem Satz überwand sie eine Stelle, an der es einen Meter senkrecht nach unten ging. Dabei prallte sie mit dem rechten Oberschenkel gegen eine Tanne. Als ihre Jeans heftig gegen die Wunde gedrückt wurde, brannte es wie Feuer, ebenso sehr wie die Glut der Zigaretten dort gebrannt hatte. Bilder schossen ihr durch den Kopf. Bilder von dem Mann, der gierig über ihr stand und unaussprechliche Dinge mit ihr tat. Strenge, aber auch erwartungsvolle Blicke.
Mit größter Überwindung zwang sie die Gedanken beiseite. Als wäre die sich überschlagende Stimme hinter ihr ein Startschuss gewesen, lief sie weiter. Plötzlich erblickte sie durch die Stämme hindurch ein vorbeifahrendes Auto. Das gab ihr neue Energie. Jetzt war es wirklich nicht mehr weit, und sie würde es schaffen.
Hinter sich hörte sie bereits die Geräusche des herannahenden Mannes, die sie vor Sekunden noch zu Tode erschreckt hätten. Doch die zum Greifen nahe Straße gab ihr die Kraft und die Überzeugung, nun nicht mehr verlieren zu können. Der weitere Adrenalinschub, ausgelöst durch die näher kommenden Geräusche in ihrem Rücken, tat sein Übriges, um sie voller Kraft voranschreiten zu lassen.
Für diesen Moment spürte sie keine Schmerzen mehr. Alle Gedanken an den Albtraum der letzten Wochen waren verschwunden, verbannt in den hintersten Winkel ihres Gehirns. Leichtfüßig sprang ihr graziler Körper zwei weitere steile Abhänge hinab, rutschte fast drei Meter über den glitschigen Boden, und richtete sich sofort wieder auf. Nach einigen Schritten auf einem annähernd ebenen Stück trennten sie nur noch knapp zwei Höhenmeter von der Straße, die feucht und dunkelgrau unter ihr lag. Als sie sprang, war ihr bewusst, dass sie sich vielleicht ein Bein brechen würde, aber es spielte keine Rolle. Sie würde gerettet sein, und nur das zählte. Noch bevor sie den nass glänzenden Asphalt berührte, hörte sie ein unbeherrschtes Brüllen, welches sie, auch ohne die Sprache zu kennen, eindeutig als Fluchen identifizierte. Für sie war es wie eine Bestätigung dafür, dass sie gewonnen hatte.
Ihre Knie und ihre Fußgelenke schmerzten beim Aufprall. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Körper durch den Schwung nach vorne geschleudert wurde. Um nicht frontal mit dem Gesicht aufzuschlagen, drehte sie sich zur Seite. Ihre linke Schulter knallte auf den harten Boden, und das knirschende Geräusch sagte ihr, dass etwas gebrochen war.
Den Bus, der sie erfasste, sah sie nicht. Es wurde einfach dunkel, in dem Moment, in dem ihr Genick von der Stoßstange gebrochen wurde. Ein paar Meter wurde sie mitgeschleift, dann verwandelten die Zwillingsreifen den größten Teil ihres filigranen Körpers in eine unidentifizierbare Masse.
Bald würde sie in den Polizeiakten als ein Unfallopfer geführt, dessen Identität nicht festgestellt werden konnte. Eine Tote, die scheinbar nirgendwo herkam und die niemand kannte … aus einem Waldstück gesprungen wie ein Reh und unter die Räder gekommen… bald vergessen, als hätte es sie nie gegeben.