Leseprobe zu "Schattenraum"

Als Evelin Svens Wohnungstür hinter sich zuzog, war es erst acht Uhr. Nach einem unruhigen und wenig erholsamen Schlaf war sie eine Stunde zuvor erwacht und hatte nicht mehr einschlafen können. Sie war trotzdem noch liegen geblieben, aber so sehr sie es auch ersehnt hatte: Der Schlaf hatte sich nicht wieder eingestellt.
Sven schien es anders gegangen zu sein, denn er war noch immer im Land der Träume. Da sie nicht wusste, wie lange er dort noch verweilen würde, hatte sie sich irgendwann angezogen und war gegangen. Es war ein ungutes Gefühl gewesen, in einer fremden Wohnung zu sein, alleine, ohne etwas mit sich anfangen zu können. Sie würde nach Hause fahren, sich einen Kaffee machen, und sehen, was es Neues im Chat gab.
Auf der Straße schaute sie sich um. Instinktiv hielt sie nach einem Wagen Ausschau, der mit laufendem Motor da stand, und dessen Fahrer nur auf sie wartete. Doch da war nichts Auffälliges. Mit schnellen Schritten ging sie zu ihrem silbergrauen Fiesta, sperrte ihn auf, ließ sich auf den Sitz fallen, und verriegelte die Tür, sobald sie ins Schloss gefallen war.
Dann startete sie den Motor, der etwas widerwillig zum Leben erwachte. Es war unangenehm kalt an diesem Morgen, so dass sie sofort den kühlen Zug an ihrem Kopf spürte, als sie losfuhr. Sie hatte am Vorabend das Fenster nicht richtig geschlossen. Offenbar war sie so in Panik gewesen, dass sie nicht daran gedacht hatte. Zum Glück hatte niemand das Auto geklaut. Schnell kurbelte sie das Fenster rauf.
Der morgendliche Berufsverkehr hatte die Stadt voll im Griff. Evelin war erleichtert darüber, dass sie nicht stadteinwärts fahren musste. Bald bog sie an der Miquelallee nach links ab. Weit hatte sie auf der Straße, die in der Verlängerung in die A66 nach Wiesbaden überging, nicht zu fahren. Dachte sie. Doch es kam alles ganz anders.
Was sie im Rückspiegel sah, ließ den Schrecken in ihre Glieder fahren. Ihr stockte der Atem, und das ohnehin schon schwermütige Herz setzte für ein paar Schläge aus. Nackte Panik erfasste sie, als ihre blankliegenden Nerven wie durch einen Blitzschlag abrupt die Wahrheit erfassten. Heiße und kalte Wellen durchfluteten ihren Körper abwechselnd im Millisekundentakt. Es waren nicht die Fahrzeuge hinter ihr, die sie in den Zustand panischer Angst versetzten. Es war der junge Mann, der sie aus dem Fond ihres eigenen Wagens angrinste. Mit der schwarzen Baseballmütze, die er verkehrt herum angezogen hatte, sah er fast aus wie ein Teen. Die runden Gläser seiner Brille erinnerten Evelin an Harry Potter. Doch das fiese Grinsen passte weder zu einem Teenager noch zu dem Zauberlehrling.
"Guck besser auf die Straße", ermahnte sie der Fremde, in dem sie nach Svens Phantombild sofort den Mann erkannte, der Frank getötet hatte.
Die Stimme des Mannes brach den Bann, der sie in eine Lähmung des Entsetzens versetzt hatte. Ruckartig brachte sie den Ford wieder in seine Spur, denn es fehlten nur noch wenige Zentimeter, die ihn von dem LKW auf dem Nachbarfahrstreifen trennten.
Dann spürte sie rechts an ihrem Hals etwas. Etwas Kaltes, Spitzes berührte sie nicht nur, sondern bedrängte sie derart, dass sie sich ein wenig nach links neigte.
"Du wirst tun, was ich sage." Die Stimme drang von weit entfernt durch das Rauschen ihres eigenen Blutes, das in ihr zu kochen schien und in ihren Ohren dröhnte. "Wenn nicht, wird sich dieses Messer ganz schnell sehr tief in deinen Hals bohren. Es wird bis in deine Luftröhre vordringen, und das Blut wird in deine Lungen laufen. Qualvoll wirst du langsam an deinem eigenen Saft ersticken."
Woher sie die Kaltblütigkeit nahm, konnte sie nicht sagen, aber sie antwortete: "Dann würden Sie sich selbst mit umbringen. Ich glaube kaum, dass sie das wollen." Ihre Stimme entsprach genau dem Gegenteil von ihrem tatsächlichen Zustand: Sie war fest, klar und laut.
Ein hämisches Lachen war die Reaktion. "Das glaubst aber auch nur du. Was habe ich denn zu verlieren? Ich bin ein zweifacher Mörder. Der Tod wäre immer noch besser als der Knast. Aber du wirst es sowieso nicht ausprobieren, denn du hast viel zu viel Angst vor den Folgen. Und jetzt wirst du immer schön auf der Autobahn bleiben, bis ich dir etwas anderes sage."
Gerade in diesem Moment kam eine Abfahrt, und Evelin hatte nichts Besseres zu tun als auf den Verzögerungsstreifen zu wechseln. Der Schmerz war unbeschreiblich. Mit einem furchtbaren Ruck drang der Stahl in ihren Hals ein. Nicht einmal sehr tief, aber Evelin schrie gellend auf und verriss das Lenkrad. Mit aller Gewalt versuchte sie, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen.
Das Messer war plötzlich verschwunden, dafür spürte sie eine warme Flüssigkeit den Hals herablaufen.
Auf der linken Seite näherten sie sich bedenklich einem Reisebus. Erst im allerletzten Moment konnte sie einen Zusammenstoß verhindern. Rechts neben ihnen ertönte eine Hupe. Kurz darauf zog mit überhöhter Geschwindigkeit ein großer Mercedes vorbei. Dann hatte Evelin den Fiesta endlich wieder in der Gewalt.
Keine Sekunde später war das kalte Metall wieder da. Die Spitze drückte sich tief in ihren Hals, gerade noch so schwach, dass es nicht an der neuen Stelle zu bluten begann.
"Siehst du", sagte der Mann hinter ihr scharf, "du hättest das Auto jetzt auch in den Bus krachen lassen können, aber du hast es nicht getan. Zum einen hängst du zu sehr an deinem eigenen Leben, und zum anderen weißt du genau, dass bei einer Massenkarambolage unzählige unschuldige Menschen sterben würden. Vielleicht wären sogar kleine Kinder dabei, oder nette Männer, wie dein Frank einer war, die dann niemals wieder zu ihren wartenden Frauen zurückkehren. Das möchtest du doch nicht! Und ich weiß, dass du das nicht möchtest. Ich bin einfach zu schlau für euch. Weißt du, ich werde immer gewinnen, weil ich genau weiß, was ich tue."
Evelin begann zu zittern, so stark, dass sie Schwierigkeiten hatte, das Lenkrad festzuhalten. Das Schwein hatte Frank auf dem Gewissen. Frank. Ihren Frank. Und nun war sie in der gleichen Situation wie er. Würde sie sterben? Wäre es schlimm, wenn sie es tun würde? Vielleicht wäre sie dann wieder mit Frank vereint. Oder würde sie in die Hölle kommen, weil sie ihren Mann betrogen hatte? Gab es eine Hölle? Gab es einen Himmel?
In diesem Moment wurde es ihr gleichgültig, ob sie sterben würde, solange sie davor nicht allzu sehr leiden musste. Aber der Mann hatte natürlich recht. Sie konnte nicht das Leben von Anderen aufs Spiel setzen. Irgendwann würden sie stehen bleiben müssen, und dann hatte sie vielleicht eine Gelegenheit zu entkommen. Mit etwas Glück würde auch jemand den Vorfall von eben bei der Polizei melden, und eine Streife würde sie anhalten. Dann hätte sie gewonnen.
Bis zum Wiesbadener Kreuz fuhren sie schweigend weiter. Dort dirigierte sie der Fremde auf die A3 in Richtung Köln. Ihr Weg war nun nicht mehr weit, denn an der Autobahnraststätte Medenbach ließ er sie abfahren.
Während sie den Wagen auf dem Verzögerungsstreifen abbremste, bewegte sich der Mann hinter ihr, ohne dass sie feststellen konnte, was er tat. Kurz daraufhin spürte sie es. Offensichtlich hatte er ein zweites Messer hervor geholt, welches er ihr jetzt von links an den Hals hielt.
"Damit du nicht auf die Idee kommst, aus dem Auto zu springen, sobald wir anhalten. Egal, in welche Richtung du dich bewegst: Du wirst deinen Hals in eines der Messer treiben. Um es für dich noch interessanter zu machen, schneide ich dabei die Nerven an der Wirbelsäule durch. Du wirst dann nichts mehr spüren, aber dein Kopf wird dir sagen, dass da ganz viel Blut aus deinem Hals quillt. Jeder Versuch, deine Arme mit mentaler Kraft zu heben um nach der Wunde zu greifen, wird scheitern. Egal wie groß deine Panik sein wird, du wärest nicht einmal in der Lage, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Also, benimm dich!"
Er ließ sie auf eine Parkposition fahren, in dessen unmittelbarer Nähe keine anderen Fahrzeuge standen.
"Und jetzt nimmst du die Arme zur Seite, lässt sie herunter hängen, und drehst sie so weit wie möglich nach hinten." Bei diesen Worten verstärkte er den Druck der beiden Messer. Evelin stöhnte auf und kam seiner Aufforderung nach. Was sollte sie auch tun? Hätte sie die Tür aufreißen und einen Fluchtversuch riskieren sollen?
Die Klinge auf der rechten Seite verschwand. Evelin hatte das Gefühl, dass ihre Wunde nicht mehr blutete. Zumindest spürte sie nichts Nasses mehr an ihrem Hals.
Aus dem Fond waren metallische Geräusche zu hören. Dann legten sich kalte Stahlfesseln um ihr rechtes Handgelenk. Das Klicken von einrastenden Handschellen erfüllte den kleinen Raum. Kurz darauf war das Messer auf der rechten Seite wieder zu spüren, dafür verschwand das linke. Die Prozedur mit den Handschellen wiederholte sich an ihrem zweiten Handgelenk.
Offenbar hatte der Mann die beiden Handschellen mit einem Seil oder einer Kette miteinander verbunden, oder er hatte sich gleich eine Spezialanfertigung besorgt. In jedem Fall war Evelin nun gefesselt, und ihre Arme wurden noch ein Stück weiter nach hinten gezogen, so, als ob der Killer die Verbindung zwischen den beiden Fesseln verkürzte.
Anschließend passierte lange Zeit nichts. Es dauerte sogar solange, dass Evelin irgendwann fragte: "Und nun?"
"Wir warten", antwortete Franks Mörder, ohne darauf einzugehen, worauf sie warteten. Evelin hatte bald jedes Gefühl für Zeit verloren. Was hatte er mit ihr nur vor? Wenn er sie töten wollte, dann hätte er das schon längst tun können. Auf der anderen Seite: Wenn sie tot hinterm Steuer saß und jemand vorbeikam, konnte das durchaus auffallen. Immerhin waren sie auf einem öffentlichen, gut besuchten Parkplatz, mitten am Tage. Nein, hier würde er sie nicht umbringen können, sein Ziel musste ein anderes sein. Dieser Gedanke beruhigte Evelin ein wenig. Vielleicht würde sich dann doch noch eine Gelegenheit zur Flucht bieten.
Es musste mindestens eine Viertelstunde Stille geherrscht haben, in der sie es vermied, in den Rückspiegel zu schauen. Vielleicht war es auch schon eine halbe oder sogar eine ganze Stunde gewesen, Evelin wusste es nicht zu sagen. Mit der Zeit waren die Scheiben von ihrem Atem so beschlagen, dass man nicht mehr hinausschauen konnte. Deshalb hatte er also das Fenster ein wenig geöffnet gehabt, während er vor Svens Haus auf sie gewartet hatte. Ihr wären sonst sofort die von innen beschlagenen Scheiben aufgefallen!
Jetzt verschwand auch das zweite Messer von ihrem Hals. Bei einem vorsichtigen Blick in den Rückspiegel stellte Evelin fest, dass der Kerl sie nicht aus den Augen ließ, obwohl er außerhalb ihres Blickfeldes irgendetwas mit seinen Händen zu tun schien. Bald würde auch der Spiegel so sehr beschlagen sein, dass man nichts mehr darin sehen würde.
Es dauerte einen Moment, dann beugte sich der Fremde vor, und sie spürte zwei Dinge. Einmal einen undefinierbaren Gegenstand an ihren Lippen, und zum anderen wieder ein Messer, welches ihre linke Wange berührte.
"Mund auf!", befahl der Mann. Kaum war sie dieser Aufforderung nachgekommen, drückte er ihr eine große Kugel in den Mund. Sie war so groß, dass ihr Mund noch weiter aufgedrückt wurde, so weit, dass sie vor Schmerz stöhnen musste. Das Messer verschwand, und ein gummiartiger Gurt, der scheinbar mit der Kugel verbunden war, legte sich um ihren Kopf. Sofort wusste sie, um was es sich handelte. So lange, wie sie in diesem Erotikchat gewesen war, kannte sie alle möglichen Spielzeuge, die in den verschiedenen Spielarten Anwendung fanden. Die meisten kannte sie freilich nur von Bildern aus dem Internet. Ein Knebel wie dieser war in der SM-Szene sehr gebräuchlich, allerdings hatte Evelin nicht gewusst, dass es welche in dieser unvorstellbaren Größe gab. Sie hatte das Gefühl sich einen Leberkloß in den Mund gestopft zu haben, den sie jetzt nicht kauen konnte.
Nun wurden ihre Arme noch weiter nach hinten gezogen, so sehr, dass Evelin vor Schmerz aufgeschrien hätte, wenn sie nicht den Knebel im Mund gehabt hätte. So entwich ihr nur ein leises Stöhnen.
"Siehst du", sagte der Mann triumphierend, "du hättest früher schreien müssen. Schreien, oder irgendetwas anderes tun. Nun ist es zu spät. Du kannst dich nicht rühren, kannst nicht nach Hilfe rufen, und gesehen werden kannst du auch nicht mehr. Von außen sieht man nur ein geparktes Auto, dessen Scheiben beschlagen sind." Einige undefinierbare Geräusche ließen sich vernehmen.
Jetzt wollte Evelin doch wissen, was er tat, und blickte in den Spiegel. Doch sie wurde enttäuscht, man konnte nichts mehr darin erkennen.
Ein Kichern drang in ihren Kopf, leise, hämisch, verrückt. "Ist das nicht genial? Du wirst inmitten zahlloser Menschen sterben, und keiner bekommt es mit!"
Eine jähe Erkenntnis durchfuhr Evelin: Es war ein großer Irrtum gewesen zu glauben, dass sie an diesem Ort sicher war, weil sich sehr viele Leute um sie herum befanden. Nur solange die Sicht in ihren Wagen noch frei gewesen war, hatte sich der Mörder zurückhalten müssen. Wie ein Blitzschlag, der durch ihren ganzen Körper fuhr, ergriff sie das blanke Entsetzen. Im panischen Versuch, sich im letzten Moment noch loszureißen, straffte sie den Körper, soweit es ging, spannte jeden Muskel an, und obwohl das in hohem Maße ausgeschüttete Adrenalin in ihren Adern dem Körper zusätzliche Kraft verlieh, hatte sie nicht die geringste Chance. Auch ihr Bestreben lauthals zu schreien war vergebens. Lediglich einen leisen Laut brachte sie zustande, ein Laut, der in ihrer Kehle schmerzte. Der plötzlich aufgetretene Schock ließ sie die Schmerzen kaum spüren. Ebenso wenig merkte sie, ob der Mann ihr eines der Messer irgendwo hinein stach. Sie war nur noch erfüllt von Furcht und Panik, freigesetzt durch das Wissen, dass sie gleich sterben sollte. Mit aller Macht wand sie sich in ihrem Sitz, tat sich dabei selbst weh, ohne es zu merken, versuchte erneut zu schreien, aber alle Bemühungen waren umsonst. Außer, dass ihr der Schweiß in Strömen ausbrach, erreichte sie nichts.