Leseprobe zu "Töte, um zu leben"

Sämtliche Abläufe führte der Fremde mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Ruhe aus, dass es Edwin fast beiläufig vorkam, wie er niedergestochen wurde.Es war vollkommen anders, als er es erwartet hätte. Der Schmerz war gar nicht so groß, als sich der kalte Stahl in seine Gedärme bohrte. Viel größer als die Pein war der Schock darüber, dass jemand gerade dabei war, ihn umzubringen.

Sein eigenes Gesicht spiegelte sich in der futuristischen Brille des Fremden wieder, und Edwin erkannte den Glanz seiner feuchten Stirn.

Schon glitt die Klinge wieder aus seinem Körper heraus, und er spürte, wie die Haut um die Wunde herum warm wurde. Gleichzeitig nahm er den Geruch wahr. Den Geruch von Blut. So stark und eindeutig, wie er ihn nie zuvor gerochen hatte. Dabei hätte er früher niemals den Geruch von Blut beschreiben können. Er hätte nicht einmal sagen können, ob Blut überhaupt roch.

Beim Hinuntersehen erkannte er den roten Fleck, der sich schnell auf seinem weißen Hemd ausbreitete. Dann drang die Klinge erneut in seinen Körper ein, diesmal in der Herzgegend. Als ob der Fremde genau wusste, an welchen Stellen sich Edwins Rippen befanden, bewegte sich das Metall genau zwischen zweien hindurch. Dieser Stich war schmerzvoller als der erste. Viel schmerzvoller.

Du musst etwas von ihm erwischen, damit sie eine Spur haben‘, schoss es Edwin durch den Kopf. Ihm war bewusst, dass er keine Minute mehr zu leben hatte. Um die letzten Sekunden seines Lebens so intensiv wie nur irgend möglich auszukosten, erlebte Edwin sie mit einer fantastischen Klarheit. Das in enormen Dosen ausgeschüttete Adrenalin konnte ihn zwar nicht retten, aber immerhin sein Gehirn zu einer letzten Höchstleistung bewegen. In einer reflexartigen Bewegung griff er nach dem Schal des Fremden und ballte seine Faust um den Stoff.

Der Fremde ließ es widerstandslos geschehen, als Edwin an dem Kleidungsstück riss. Er spürte, wie das Tuch zwischen seinen Fingern hindurch glitt, merkte, wie sich flauschige Fusseln in seiner Hand sammelten. Mit einer infantilen Genugtuung riss er noch fester, während es in seinem Geist schon zu dämmern begann.

Er bedauerte zutiefst, dass er nun nicht mehr die Dinge mit seinem Sohn tun würde, auf die er sich gefreut hatte. Erst vor wenigen Minuten hatte er beschlossen, sein Leben komplett zu ändern und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Und jetzt spürte Edwin, wie der Tod seine kalten Finger nach ihm ausstreckte. Er würde ihn nicht mehr loslassen.

Ingrid würde sich gut um den Jungen kümmern, da war er sich sicher.

Dann stellte er sich kurz die Frage nach dem Warum. Einen Sekundenbruchteil später entschied er, dass die Frage völlig unwichtig sei, denn unabhängig von dem Grund war das Ergebnis dasselbe.

Die Nacht, die ihn einfing, wurde immer schwärzer. Langsam entfernten sich die Schmerzen. Ebenso das Licht seines Büros, und auch der Fremde schien plötzlich nicht mehr da zu sein. Eine Ruhe kehrte ein, eine endlose, friedvolle Stille, die sich hinzog, bis sein Gehirn keinen Gedanken mehr dachte und keinen Traum mehr träumte.